Th├╝ringer Fl├╝geltauben: Rasse des Jahres 2020 im BDRG und SV Th├╝ringer Farbentauben

 
Herkunft und Entwicklungsgeschichte

Eine der ├Ąltesten Rassen unter den Th├╝ringer Farbentauben ist die Fl├╝geltaube. Bechstein geht bereits 1795 ausf├╝hrlich auf sie ein. Bei der Sondervereinsgr├╝ndung, damals noch mit Club benannt, erw├Ąhnt der Initiator L├╝tzelberger um 1900: Die Schwalben- oder Feetauben schnippig werden schon l├Ąnger als 50 Jahre im Gebiet um Sonneberg gez├╝chtet. In der Gr├╝ndungsversammlung wurde festgelegt, dass die Schwalben- oder Feetauben schnippig grunds├Ątzlich glattk├Âpfig und reinbeinig (glattf├╝├čig) zu sein hat. Nach dieser Zeit muss die Trennung von den Schwalben (vollplattig bezeichnet) vollzogen worden sein. Im Verlauf der sp├Ąteren Jahre wird dann nur noch von der Fl├╝geltaube geschrieben. Wann genau die Umbenennung stattgefunden hat, l├Ąsst sich nicht mehr klar nachweisen. In der noch existierenden Originalmitgliederliste des Clubs, leider ohne Datum, aber mit gro├čer Wahrscheinlichkeit nach 1922 herausgegeben, wird der Initiator L├╝tzelberger, der 1925 verstorben ist, nicht mehr genannt. Gottlieb Sch├Ânheit Nr. 4 der Mitgliederliste schreibt in der Gefl├╝gel-B├Ârse  von 1929, dass er die gesamte Zucht von dem verstorbenen L├╝tzelberger ├╝bernommen hat. Bis dahin hatten sich bereits zwei Hochburgen der Th├╝ringer Fl├╝geltauben gebildet. Im Raum Sonneberg/Coburg und im mittleren Erzgebirge. Zu den damaligen Sonderschauen wurden um die 200 Tiere gezeigt. Schon damals wurde eine langgestreckte Taube mit schmaler Fl├╝gelzeichnung und geschlossenem Herz gefordert. Nach dem 2. Weltkrieg hat sich die Fl├╝geltaube stark verbreitet, sodass im Th├╝ringer Wald und im Erzgebirge um die 300 Tauben auf Sonderschauen ausgestellt wurden. 1950 wurden die Tiere mit ├ťberl├Ąnge erstmals kritisiert. Auf der Ausstellung in Steinach 1957 hat der Preisrichter Hartie M├╝ller Fl├╝geltauben mit ├╝berlangen Schwanzfedern zur├╝ckgestuft und damit f├╝r die weitere Zuchtentwicklung deutliche Zeichen gesetzt. 1951 wurde der Sonderverein der Th├╝ringer Farbentauben in der Bundesrepublik gegr├╝ndet und die Fl├╝geltaube wurde sehr schnell zur beliebtesten Rasse. ├ťber viele Jahre stellten die Fl├╝geltauben etwa 30 Prozent bei Sonder- und Gro├čschauen in der Bundesrepublik. Zum 90-j├Ąhrigen SV-Jubil├Ąum 2000 in Plaue bei Asrnstadt/Th├╝ringen haben sich etwa 800 Fl├╝geltauben von insgesamt 3200 Th├╝ringer Farbentauben vorgestellt. 2010 zum 100-j├Ąhrigen SV-Jubil├Ąum in Leimbach/Th├╝ringen wurden 850 Fl├╝geltauben von insgesamt 3500 Th├╝ringer Farbentauben aufgeboten. Im Januar 2020 zur HSS in Kaunitz pr├Ąsentierten sich 530 Fl├╝geltauben von insgesamt 2311 Tieren. Heute ist die Fl├╝geltaube weit ├╝ber das Stammland hinaus eine der beliebtesten Farbentauben Deutschlands, Hollands und D├Ąnemarks. Einige sehr engagierten Zuchtfreunde aus Holland und D├Ąnemark beschicken seit vielen Jahren unsere HSS mit Spitzentieren.

 

Rassemerkmale, Farben, Zuchtstand und Verbreitung

Die Th├╝ringer Fl├╝geltaube soll eine langgestreckte elegante Feldtaubenfigur verk├Ârpern. Bei einer waagerechten K├Ârperhaltung kommt die volle, breite Brust richtig zur Geltung. Flachbr├╝stige Tiere haben oft eine leicht aufrecht weisende Haltung und diese wird nach dem heutigen Zuchtstand herabgestuft. Tauben, die zu lang wirken, haben meistens nur l├Ąngere Schwanzfedern, die das Gesamtbild beeinflussen. In Zentimetern kann man die L├Ąnge schlecht angeben, ein Altt├Ąuber ist nun einmal etwas gr├Â├čer als eine Jungt├Ąubin und die stehen auf Ausstellungen hintereinander. Als Richtma├č und Orientierung gilt, dass die Schwanzfeder nur maximal eine Schwanzfederbreite ├╝ber das Ende der Handschwingen herausragen sollte. Eine zu lange Schwanzfeder beeinflusst den Gesamteindruck nachteilig und diese Tauben sollten in der Zucht nicht mehr eingesetzt werden. Der Hals kommt voll aus der Brust und verj├╝ngt sich mit guter Auskehlung. Der elegante Kopf soll l├Ąnglich und deutlich abgerundet sein, eine flache Kopfplatte geh├Ârt der Vergangenheit an und ist stark fehlerhaft. Der mittellange Schnabel ist an seiner Spitze leicht gebogen, zur Stirn hin muss ein Winkel unbedingt vorhanden sein. Der Unterschnabel ist bei allen Farbenschl├Ągen hellhornfarbig, der Oberschnabel ist bei den Schwarzen und Blauen schwarz, bei den Blaufahlen mit Unterfarben horn- bis dunkelhornfarbig und bei den Roten und Gelben hellhornfarbig. Bei den schwarzen Schn├Ąbeln muss das Nasenloch nicht bis innen durchgef├Ąrbt sein, jedoch werden eine helle Leiste am Oberschnabel und zu helle und gro├če Nasen├Âffnungen immer zur├╝ckgesetzt. Die Schnabelwarze ist wenig entwickelt und wei├č gepudert. Das dunkle Auge wird von einem schmalen gut abgedeckten und roten Augenrand umgeben, je nach Farbschlag r├Âtlich bis leuchtend rot, kein dunkles Heidelbeerrot. Breite und matte Augenr├Ąnder entwerten. Die F├╝├če sind mittellang und unbefiedert, die Krallenfarbe bleibt ohne Bedeutung.

Die Zeichnung wird wie folgt beschrieben: Der gesamte Fl├╝gel, einschlie├člich der Daumenfedern mit Ausnahme der Federn des Oberarmes (das Schultergefieder) sind farbig. Die Schulterfedern bilden auf dem R├╝cken ein geschlossenes Herz, je gr├Â├čer desto besser. Offene Herzzeichnung ist stets fehlerhaft. Den Kopf ziert eine farbige Stirnschnippe. die dicht an der Schnabelwarze ansetzt und nicht ├╝ber das Auge hinausragt. In der halben Schnabelbreite angesetzt, beiderseits je ein Viertel wei├č und nach oben etwas breiter werdend bei guter Abrundung (Birnenf├Ârmig). Zum Auge hin und im Schnabelwinkel m├╝ssen noch wei├če Federchen vorhanden sein. Bis zum Anfang des Auges sollte die Schnippe reichen, ein kleiner Punkt ist zu wenig. Einseitige Schnippen und Tiere mit fehlenden wei├čen Federn im Schnabelwinkel werden abgestuft. Fl├╝gel und Schnippe sind farbig, das ├╝brige Gefieder ist wei├č. An den Flanken bilden sich bei den Lackfarbenen im Untergefieder die sogenannten Schmalzkiele. Sie m├╝ssen nicht unbedingt wie bei den Fr├Ąnkischen Samtschildern vorhanden sein. Tiere mit Schmalzkielen zeigen jedoch eine lackreichere Feder. Farbige Federchen am Unterschnabel sind verp├Ânt und werden bem├Ąngelt. Wegen ihrer satten Farbe wurden N├╝rnberger Schwalben eingekreuzt und so kommen immer einmal Tiere mit farbigen Schenkeln und ├╝bergro├čen Schnippen zum Vorschein, was sich jedoch in der Nachzucht wieder verliert.

Die Fl├╝geltauben sind in 30 Farbenschl├Ągen anerkannt. Wie bei den meisten Rassen sind die Hauptfarbenschl├Ąge (Schwarz, Rot, Gelb und Blau) am st├Ąrksten vertreten. Zu erw├Ąhnen sind die Blau-Bronzegeschuppten und die Blaufahl-Sulfurgeschuppten, die nach der Wende 1990 anerkannt und von Reiner Thiel auf der Insel R├╝gen neu gez├╝chtet wurden. Wie bei den belatschten Fl├╝geltauben gibt es bei den Th├╝ringer Fl├╝geltauben auch Gescheckte, sie haben die gleiche Zeichnung wie die B├Âhmischen Fl├╝gelschecken, sind allerdings sehr selten anzutreffen. Die Schwarzen und die Roten haben ungef├Ąhr den gleichen Anteil bei etwa gleich hoher Qualit├Ąt. Die Gelben sind seltener verbreitet. Bei den Lackfarben wird eine satte Unterfl├╝gel- und gut durchgef├Ąrbte Schwingenfarbe verlangt. Die Roten neigen bei sehr satter Farbe zur haarigen Feder in den Schwingendeckfedern (f├Ąlschlicherweise oft Binden genannt). Der goldene Mittelweg ist da zu finden. Die Gelben haben die Eigenschaft, bei Sonneneinwirkung auszubleichen, die Farbe wird dann unausgeglichen. Auch die satte gelbe Farbe neigt zur haarigen Feder wie bei den Roten. Das hellere Gelb ist oft mit unzureichend durchgef├Ąrbter Schwingenfarbe verbunden. Die Paradepferde unter den Fl├╝geltauben waren und sind bis heute die Blauen mit und ohne Binden. Sie haben eine feine zarte helle Farbe, dunklen Schwung und bei den Bindigen gibt es viele Tiere mit einer langen schmalen Binde. Da die Pastellfarbenen ├╝berwiegend keine Schmalzkiele haben, ist die Augenfarbe nicht ganz so rot wie bei den Lackfarbigen. Die artverwandten Blaugeh├Ąmmerten bringen es in der Beschickungszahl im Durchschnitt auf die H├Ąlfte der Bindigen. Eine gleichm├Ą├čige H├Ąmmerung wird verlangt, nur neigen sie gerne zu Schwingenrost, was eine leidvolle Begleiterscheinung aller geh├Ąmmerten Taubenrassen ist. Die Blaufahlen, Blaufahl ohne Binde (fr├╝her Silber) und die Blaufahlgeh├Ąmmerten (fr├╝her Gelercht) stellen z. Zt. etwa 10% aller Fl├╝geltauben. Blaufahle ohne Binden zeigen durchweg eine feine zarte Farbe, die Schwingenfarbe k├Ânnte jedoch teilweise noch satter sein. Das Gleiche kann von den Blaufahlen gesagt werden. In beiden Farbenschl├Ągen k├Ânnten die T├Ąubinnen gelegentlich gleichm├Ą├čiger in der Farbe sein.  Die Oberschnabelfarbe ist bei den drei blaufahlen Farbenschl├Ągen hornfarbig. Die Rotfahlen und Rotfahlgeh├Ąmmerten z├Ąhlen zu den Seltenheiten, sie haben in den letzten Jahren farblich eine Verbesserung erfahren, noch schmaler in den Binden w├Ąre w├╝nschenswert. Auff├Ąllig ist ihre korrekte H├Ąmmerung, die man sonst kaum bei einer anderen Rasse findet, die Schnabelfarbe ist dunkelhornfarbig. Gelbfahle und die Gelbfahlgeh├Ąmmerten sind ebenfalls sehr selten, ihre Oberschnabelfarbe sollte hornfarbig sein. Bei den letzten vier genannten Farbenschl├Ągen ist die Schwingenfarbe bei geschlossenem Fl├╝gel hell, bei den Blau-Bronzegeschuppten und den Blaufahl-Sulfurgeschuppten hat die Schuppung einen schwarzen Saum. Rost sollte bei geschlossenem Fl├╝gel nicht sichtbar sein. Die Wei├čbindigen und Wei├čgeschuppten, welche stark im Erzgebirge verbreitet sind, zeigen im Zeichnungsbild eine gewisse N├Ąhe zu den S├Ąchsischen Farbentauben. Schwarz mit wei├čen Binden, Schwarz-Wei├čgeschuppt, Rot mit wei├čen Binden, Rot-Wei├čgeschuppt und die Gelben mit wei├čen Binden sind absolute Rarit├Ąten, wobei die Wei├čbindigen vereinzelt feine Exemplare zeigen, dies l├Ąsst f├╝r die Zukunft hoffen.

Einen riesigen Aufschwung haben in den letzten Jahren die Blauen mit wei├čen Binden und die Blau-Wei├čgeschuppten sowie die Blaufahlen mit wei├čer Binde und die Blaufahl-Wei├čgeschuppten erfahren. 114 Exemplare der vier letzgenannten Farbenschl├Ąge von ca. 800 Fl├╝geltauben standen in Plaue bei Arnstadt zum 90-j├Ąhrigen Jubil├Ąum 2000. 2010 in Leimbach 91 und 2020 in Kaunitz 80 Tiere. Dem Unterfl├╝gel wird bei allen Pastellfarbigen, Wei├čbindigen und Wei├čgeschuppten keine Bedeutung beigemessen. Die gescheckten Fl├╝geltauben bleiben weiterhin eine gro├če Seltenheit, in kleiner St├╝ckzahl sind sie gelegentlich auf den Sonderschauen vertreten.

Die Fl├╝geltauben mit Rundhaube, welche vor Jahren auf der Europa-Stammschau in Essen ausgestellt und bewertet wurden, haben danach bedauerlicherweise f├╝r viel Unfrieden und Streit unter den Z├╝chtern gesorgt, denn sie waren in der g├╝ltigen Musterbeschreibung nicht zu finden. Man hatte darauf bestanden, weil sie in der alten Taubenliteratur beschrieben werden. Zweifellos sind sie ein Ergebnis der Einkreuzung von N├╝rnberger Schwalben, um die Farbe zu verbessern. Nachdem danach die Fl├╝geltauben mit Rundhaube schnell ihre Anerkennung erfahren haben, wurden vereinzelt auch Tiere in Blau, Blauwei├čgeschuppt und Blau mit wei├čen Binden gezeigt. Hier d├╝rften die S├Ąchsischen Fl├╝geltauben Pate gestanden haben. Wenn die Fl├╝geltauben mit Haube weiterhin gez├╝chtet werden sollten, so muss in Zukunft gro├čes Augenmerk auf eine Rundhaube mit deutlich sichtbaren Rosetten gelegt werden, denn gerade hier gibt es noch gro├če Probleme. Dies ist besonders schwierig, denn auf einen eleganten l├Ąnglichen Kopf hat eine volle Rundhaube eigentlich wenig Platz.

Grobe Fehler: Zu kurzer und schwacher K├Ârper, Kopfplatte, angelaufener oder matter Augenrand, angelauferner Schnabel bei Roten und Gelben, nicht durchgef├Ąrbter Oberschnabel bei Schwarzen und Blaufarbigen, unkorrekte Schnippe, Federn an den F├╝├čen, farbige Federn im Herz, offenes Herz, wei├če Daumenfedern, farbige Schenkel, unreine Farbe, Ansatz zur 3. Binde, Bindenansatz bei Hohligen, rostige Binden und Schwingen, Schilf in den Schwingen (bei Wei├čbindigen und Wei├čgeschuppten nur bei geschlossenem Fl├╝gel).

Ringgr├Â├če: 8

Die Th├╝ringer Fl├╝geltaube ist eine ausgesprochen fluggewandte Taube, die sich bestens f├╝r den Freiflug eignet, aber auch in der Volierenhaltung beachtliche Zuchterfolge aufzuweisen hat. Um die Th├╝ringer Fl├╝geltauben braucht man sich wegen des Fortbestandes keine Sorgen zu machen, w├Ąre nicht das liebe Putzen der Zeichnung, so w├Ąren sie sicherlich noch st├Ąrker vertreten.

Verfasser: Bernd Herbold